Fachartikel

Paul-Erwin Oswald, Deutscher Kleintier-Züchter 13.Dezember 2002

Besonders beliebt: Streicherenten

Die Streicherenten haben es binnen weniger Jahrzehnte bis in die Top Ten der beliebtesten Entenrassen geschafft. Ihrer Popularität scheinen keine Grenzen gesetzt. Und das ist auch gut so, denn nach dem Kriege führte die Streicherente eher das Dasein eines Mauerblümchens. Es waren Wilhelm Schmidt und Friedrich Regenstein, zwei Urgesteine deutscher Entenzucht, die sich vehement um Erhalt und Verbreitung dieser Rasse einsetzten. Harlekine der Entenrassen, so umschwärmte »unser Wilhelm« seine Lieblingsrasse, die Streicherenten. Wer möchte ihm beim Anblick eines solch ja geradezu in ein Feuerwerk der Farben getauchtes Federkleid widersprechen. Über Name und Herkunft wurde viel geschrieben, und wohl noch mehr gedeutet. Dazu möchte ich Arthur Wulf zitieren, der 1934 in “Der Lehrmeister im Garten und Kleintierhof« folgende Sätze schrieb: “In einer englischen Zucht von Khaki-Campbellenten fielen im Jahr 1907 einige weiße Tiere, die mit einem weißen Läufer gepaart wurden. Die Nachkommenschaft fiel aber nicht weiß, sondern in der aufgehellten Wildfarbe aus. Nach Deutschland sind kaum Tiere unmittelbar gekommen, sondern die meisten durch Vermittlung eines in Dänemark lebenden deutschen Gärtners, Herr Lieker, der der Ente auch seinen Namen geben wollte, was aber vom Zuchtausschuss abgelehnt wurde, da die Herauszüchtung doch nicht der Verdienst des eifrigen Verbreiters des Schlages war. In England heißt die Ente Abocat Ranger. Das erste Wort bedeutet den Ort des Erzüchters, das zweite aber Herum- oder Landstreicher, womit die fleißige Weidetätigkeit der Tiere angedeutet werden soll. Um jedoch keine üble Auslegung zu ermöglichen, wurden die Zusatzsilben gestrichen und die Rasse als Streicherente bezeichnet. Sie hat sich in den letzten Jahren in Deutschland sehr gut eingeführt und hat zweifellos Zukunft.« Soweit Arthur Wulf mit seinen Ausführungen.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, da nehmen sich auch die Streicherenten nicht aus und zeigen gute Legeleistung sowie ein sehr agiles Wesen, beides Attribute der Laufenten. Bei uneingeschränktem Auslauf gehen sie nur zu gerne ihrer »Landstreicher«-Tätigkeit nach und vertilgen allerhand Kleingetier. Nach dem inzwischen ein wahrer Boom auf Laufenten als Schneckenpolizei eingesetzt hat, empfehlen sich natürlich auch alle anderen Entenrassen zur ökologischen Schädlingsbekämpfung. Selbstverständlich sind die leichten Rassen den etwas schwereren in puncto Schnelligkeit überlegen, aber Hand aufs Herz, beim Tempo einer Nacktschnecke ist auch eine Rouenente (bestens erprobt) noch mit einem Formel 1-Rennwagen vergleichbar. Da schlummert Werbepotenzial, das nur darauf wartet, geweckt zu werden. Wir sollten die Gunst der Stunde nutzen und die zur Zucht nicht benötigten Tiere an geplagte Gartenbesitzer abgeben. Bringt einer die Enten zurück, dann ist das kein Beinbruch, die meisten werden sie behalten. Dazu zwei Worte – Öffentlichkeitsarbeit pur!

Formlich gleicht sich die Streicherente der Campbellente an. Mittelschwer sollen sie sein (2,5 kg Erpel, 2 kg Ente), dabei leicht aufgerichtet in der Haltung. Mit Größe und Gewicht gibt es für die Preisrichter eigentlich wenig Arbeit, dennoch finden wir ab und an recht exotisch anmutende Minis oder Maxis. Meist stehen die Erpel etwas höher als die Enten, kein Manko, dies findet auch im Standard Akzeptanz. Der Schnabel mittellang, Kopf leicht gerundet und im Hals anmutig gebogen nach unten immer stärker werdend. Backenbildung und übermäßig starker Stirnwinkel führen zu Punktabzug. Werden Streicherenten zur Verbesserung anderer Rassen herangezogen, so sollte man stets darauf achten, dass die folgenden Generationen mit Hochbrutflug- oder Laufenten-Köpfen nichts im Käfig zu suchen haben.

Fleischig voll wird die Brust verlangt, Hühnerbrüste gehören in den Kochtopf. Kielbildung sei erwähnt, tritt bei den Streicherenten so gut wie nie auf, wenn doch gibt es nur untere Noten. Nicht all zu stark entwickelt ist die Bauchpartie, beim Erpel unbedingt glatt verlangt. Die Ente darf im Spätherbst einen kleinen Legebauch zeigen. Die minimale Wölbung im sonst recht langen Rücken verleiht die nötige Eleganz. Schnurgerade Rückenlinien entwerten; sie stören das harmonische Gesamtbild. Rücken zu breit? Flügel zu schwer? Ausreden, aber keine Argumente für das immer stärker werdende Übel der unbedeckten Rücken. Fest und geschlossen sollen sie getragen werden, da hilft Zuchtauslese am besten, Die Schwanzhaltung erfolgt in gerader Linie zum Rücken. Scheues Anziehen liegt oft in fehlender Käfigdressur begründet. Für den Betrachter kaum sichtbar sind die Schenkel gut im Weichengefieder versteckt. Mittellange Läufe tragen den Körper, wobei die Erpel etwas höher stehen können. Wer bei den Entenrassen die Ringgröße 15 trägt, der ist, wie auch unsere Streicherente, auf recht feinknochigen Läufen unterwegs.

Der besondere Reiz der Streicherenten liegt zweifelsohne in ihrer für jeden Betrachter so ansprechenden Färbung, die beim Erpel wohl am ausdrucksvollsten in Erscheinung tritt. Es handelt sich um eine starke Aufhellung der Wildfarbe, kurz Silber-Wildfarbig genannt. Der Erpel zeigt uns im Grundton einen sehr dunkelbraunen, ja fast schwarzen Kopf mit metallisch grünglänzendem Schimmer. Ein geschlossener weißer Halsring von angemessener Breite trennt Kopf-, Hals- und obere Brustfarbe. Ganz persönlich tendiere ich zum feineren Halsring. So wird dem unschönen Auslaufen in Nacken und Oberrücken vorgebeugt. In stetigem Rhythmus versuchen findige Züchter den Halsring mit Schere und Pinzette nachzuarbeiten. Ich finde es schlichtweg unverschämt, sich mit solch unerlaubten Handlungen einen Vorteil in der Bewertung verschaffen zu wollen.

Brust, Hals sowie Nacken und Schultern sind saftig rotbraun (kastanienfarben) mit silberweißer Säumung. Die Breite der Säumung nimmt proportional mit der Größe der Feder zu und muss diese vollkommen umschließen. Bauch und Weichengefieder leuchten silbrig bei kräftig rahmweißem Grundton. Flankenzeichnung ja oder nein? Dabei sollten wir bedenken, dass Erpel gänzlich ohne Flankenzeichnung auch Enten ohne Zeichnungsanlagen mit sich bringen. Zeigen bereits junge Erpel rotbraune Flanken mit dunklen Tupfen, wie wir es eigentlich vom sommerlichen Ruhekleid her kennen, muss dies als Mangel gelten. Unterrücken silbergrau mit dunklen Tupfen, dabei ist jede Feder weiß gesäumt. Bürzel und Unterschwanz (Keil) dunkelstes Braun-Schwarz mit leichtem grünen Schimmer. Wer auf der Unterseite komplett Weiß bis zum Stoßgefieder zeigt, ist einfach zu hell.

Auf der Oberseite des Bürzels setzt sich die weiße Säumung des Unterrückens fort. Schwarze Locken, wie im Standard verlangt, werden sich bei gesäumtem Bürzel nur schwer verwirklichen lassen, da hat sich eine gewisse Toleranz gegenüber einem Hauch von Säumung durchgesetzt. Bleiben die Locken aber vollkommen hell, wird konsequent bestraft. Das Stoßgefieder am Bürzel zeigt eine Mischfarbe aus Grau, Braun und Weiß mit heller Außensäumung. Im Grundton sind die Flügel weiß, leicht grau eingemischt mit grünglänzenden Spiegeln. Die Schnabelfarbe der Erpel ist normalerweise weidengrün mit dunkler Bohne, warum im Standard das Wörtchen grau steht, kann ich nicht nachvollziehen. Na, wenn mich nicht alles täuscht, dann hat es jemand mit weißen Campbellenten versucht. So ab und zu blitzen mehr oder weniger gelb-orangefarbige Schnabeleinfassungen bei recht gelben Unterschnäbeln hervor. Abstellen heißt die Devise, das ist ein Fehler und wird bestraft. Bei den Läufen der Erpel ist orangefarbig ausdrücklich gewünscht. Nicht so leuchtend wie wir das von den Pekingenten kennen, im Ganzen etwas matter.

Keinesfalls weniger ansprechend präsentieren sich die »Damen« dieser Rasse. Bei ihnen herrscht eine rahmweiße Grundfarbe vor. Davon nehmen sich Kopf und Oberhals aus. Diese sind bis zur Linie eines gedachten Halsringes kräftig Ledergelb gefärbt. Auf Stirn und Oberkopf zeigt sich eine dunkelbraune, fast ins Schwarze spielende Zeichnung. Sind Kopf und Hals gezeichnet, gibt es Punktabzug. Die untere Brust und der Bauch bleiben rahmweiß mit fahlgrauem Untergefieder. Beginnend an der oberen Brust, sich über Halsansatz sowie Nacken und Rücken fortsetzend sind alle Federn leicht braun gestrichelt. Der Unterrücken gelbgrau mit dunklen Tupfen und weißem Federsaum. Bürzel, Unterschwanz (Keil) und das Stoßgefieder sind kräftig braun mit dunklen Flecken. Weißes Stoßgefieder und vollkommen helle Unterschwänze sind verpönt.

Entspricht jetzt unsere Streicher-»Dame« diesem Standardbild, so wird es Lob und Preise regnen. Vier Wochen später jedoch können wir mit ihr wohl kaum mehr einen Blumentopf gewinnen. Mit zunehmendem Alter ändern sich die Farben im Gefieder. Brust und Flanken werden gelblich braun, ähnlich der Kopffarbe. Auch die Bürzelfärbung wechselt, wird immer dunkler mit weißer Säumung. Wer nun bereits beim Schlupf den Schautermin beachtet, hat die Nase länger vorn. Dieser Farbwechsel liegt in der Natur der Dinge, und selbstverständlich begegnen die Preisrichter bei sehr späten Schauterminen den »Damen« mit der nötigen Toleranz in Sachen Farben.

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die schönste im ganzen Land? So heißt es im Märchen, wenn Entenzüchter vom Spiegel sprechen, dann beziehen wir uns auf die glänzenden Federn im Flügel, mit der von innen gesehen zuerst schwarzen und dann weißen Säumung. Was gibt es da nicht alles zu sehen, doppelte weiße Säumung, gänzliches fehlen dieser, auslaufen der blauen bzw. grünen Farbe besonders in die letzten drei Schwungfedern. Zuchtfreunde, lasst korrekte Spiegel nicht zur Mangelware werden!

In der Lauffarbe sollten die Enten schmutzigbraun sein. Leider kommen einige »Damen« recht hell daher. Vergleicht man die dazu gehörigen Erpel, sind diese leuchtend orangerot, bereits mit den Läufen der Pekingenten vergleichbar. Werden solche Tiere verkäuflich gemeldet und geraten in die Hände unerfahrener Züchter, ist das Debakel vorprogrammiert. Bleibt noch die grau bis graugrüne Schnabelfarbe der Enten nachzutragen. Hier finde ich das Grau angebracht, denn mit zunehmender Legetätigkeit ändert sich auch die Schnabelfarbe, aber eigentlich gehört auf jeden Fall ein dunkler Sattelfleck dazu. Vollkommen graue bzw. grüne Schnäbel sollte es nicht geben.

Masse macht noch keine Klasse, so könnte man als Fazit zusammenfassen, aber kein Grund für Trübsal, ganz im Gegenteil, es sind genügend Spitzentiere vorhanden. Durch versierte Auswahl der Zuchttiere können die Züchter rasch auf breiter Front einen großen Schritt nach vorne kommen. In Zukunft müssen Züchter und wohl besonders die Preisrichter darauf achten, dass keine Vermischung mit den jetzt auch bei uns anerkannten Welsh-Harlekin-Enten erfolgt.

Zucht und Haltung bereiten keine Schwierigkeiten. Einem Erpel können ruhig 4 bis 5 Enten zugesellt werden. Die Legeleistung ist dem nahen Verwandtschaftsgrad zu den Lauf- und Campbellenten entsprechend mit etwa 80 grünlich weißen Eiern sehr gut. Wer früh ausstellen möchte, ist gut beraten, die ersten Gelege künstlich und die letzten mit Naturbrut durchzuführen. Ein grauer Schimmer überzieht den gelben Flaum der quirligen Küken. Ihnen kann bei guter Witterung rasch Auslauf gewährt werden. Die so aufgenommenen Kleintiere sind eine hervorragende Eiweißquelle. Weicht der Flaum den ersten Federn am Kopf, so erkennt das geschulte Züchterauge bereits die beiden Geschlechter. Zweistammzucht, ja oder nein? Bei sorgfältiger Auswahl der Zuchttiere werden Spitzentiere beiderlei Geschlechts keine Seltenheit bleiben.

Wasser ist für Enten das Lebenselixier schlechthin, und saubere Bademöglichkeiten gehören für Rassegeflügelzüchter zur Grundausstattung. An das Futter stellen die Streicherenten keine besonderen Ansprüche. Das handelsübliche Fertigfutter enthält alle erforderlichen Zutaten. Ein kleines Schmankerl Salat oder Entengrütze werden überaus gerne verzehrt.

Mit Abschluss der letzten Mauser scheinen sich zahllose v- und Hv- Aspiranten im Grün zu tummeln. Jedes Blatt hat seine unverwechselbare Gestalt, welche die Art des Baumes aufzeigt, aber keines gleicht dem andern. Auch unsere Streicherenten unterliegen diesem Naturgesetz, und oft werden erst beim zweiten oder dritten Blick die feinen Unterschiede sichtbar. Wer einmal eine Herde Streicherenten im milden Sonnenlicht erleben konnte, der wird verstehen, warum diese Rasse ihre Züchter immer wieder aufs Neue fasziniert.

Die Streicherenten werden vom SV der Entenzüchter (www.enten-sv.de) betreut. Kontaktadresse: Paul-Erwin Oswald, Am Kreuz 18, 67578 Gimbsheim, Telefon/Fax: 06249/6217, E-Mail: entenoswald01@aol.com.